Die ganze Familie zu Hause – was vor der Corona-Krise für viele Eltern noch eine schöne Vorstellung war, stellt gerade den ganzen Alltag auf den Kopf. Seit mehr als zwei Wochen sind die Schulen und Kitas nun geschlossen. Auch Vereine, Beratungsstellen und andere Angebote haben ihre Dienste weitestgehend eingestellt. Die Ausgangsbeschränkungen fahren das soziale Leben auf ein Minimum herunter. Wie lange die Situation noch so anhalten muss, ist ungewiss.

Um Familien die Möglichkeit zu geben, sich bei Konflikten und Überforderung Hilfe zu holen, hat die Geschwister-Gummi-Stiftung ein Krisentelefon eingerichtet. Montags bis freitags in der Zeit zwischen 9:00 Uhr und 11:00 Uhr erhalten Eltern und Kinder telefonische Beratung durch erfahrene Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe. Unter der Telefonnummer 09221 / 82 82 82 können Betroffene ab sofort Rat und Hilfe suchen. Egal ob es darum geht, in Krisen Entlastung zu finden, fürsorglich mit sich selbst und den Kindern umzugehen oder schwierige Familienkonflikte ohne Gewalt zu lösen – die Beratung erfolgt vertraulich und auf Wunsch auch anonym.


Neue Beratungsformen am Telefon und per Video

Das Corona-Virus mit seinen Gefahren und den darauf reagierenden Beschränkungen auf der einen Seite – und auf der anderen Seite der übermäßig gewachsene Wunsch nach Sicherheit und einem Gesprächspartner. Viele Institutionen gehen deshalb mit der Telefon- und Videoberatung neue Wege. Ein kreativer Umgang mit der Situation, das Abnehmen von Druck sowie eine systematische, aber verständnisvolle Kontaktfindung sind nur einige der Handreichungen für beratende Fachkräfte in den neuen Medienformen. Doch auch Menschen, die einfach mit Angehörigen, Freunden oder Bekannten in diesen Tagen in Verbindung bleiben wollen, finden hier wertvolle Tipps zur gegenseitigen Unterstützung:

Die Situation

Sicherheit gebende Abläufe, menschliche Kontakte und Rahmenbedingungen fallen derzeit weg, der Ausgang der Krise ist offen. Viele Familien müssen derzeit, erschwert durch mehr gemeinsame Zeit aber auf engem Raum, neue Ressourcen und Strukturen finden.

Realistisches Schulpensum

Ein wichtiger Bestandteil des momentanen Alltags stellt für viele Kinder das Lernen für die Schule innerhalb der eigenen vier Wände dar. Eltern werden zu Ersatzlehrer*innen, die Infrastruktur für die virtuelle Lehre meist überall fälschlicherweise vorausgesetzt und oftmals der Druck erzeugt, der Stoff müsse nach der Krise ebenso in den Kinderköpfen verankert sein als gäbe es diese nicht. Vielmehr sollten die Eltern darin unterstützt werden auch „Nein“ zu sagen, wenn die schulischen Anforderungen nicht in der gewünschten Weise zu realisieren sind und der konstruktive Kontakt zu Lehrer*innen, Schulleitung und Schulbehörden gefördert werden.

Tagesplan

Kinder und Erwachsene erleben derzeit gleichermaßen Unsicherheit in ihren Tagesabläufen. Lernen und arbeiten, kochen, Haushalt, Sport oder Instrumente spielen sollen als gewohnte Tätigkeiten, die nun zu Hause stattfinden, wieder Orientierung und Geborgenheit geben. Ein Tagesplan mit den notwendigen und gewünschten Aktivitäten kann hierfür hilfreich sein. Dabei sollen möglichst alle Familienmitglieder, insbesondere die Kinder, mit einbezogen werden. Klarheit und Konsequenz sind die Schlüsselwörter für das Gelingen dieser Aktion, die bald zum Ritual werden könnten. Denkbar sind etwa auch Motto-Tage wie „Geheimagententag“ oder „Prinzessinnen-Tag“.

Neue Medien sinnvoll nutzen

Die Medien bieten in diesen Zeiten eine Alternative zu gewohntem menschlichen Kontakt und soziale Nähe. Was einst als Arbeits- und Lernhilfe genutzt wurde, dient nun verstärkt als „Brücke zur Außenwelt“. Diese neuartige Funktion muss in gutem Maße und sinnvoll genutzt werden. Eltern sollten hierbei eine gemeinsame Auseinandersetzung mit den Kindern anstreben, um die eigene Unsicherheit zu besiegen, aber auch um eine emotionale und vernünftige Basis zu schaffen. Selbstfürsorge Beratende, ob Fachkraft oder etwa Freund*in, sollten sich bewusst machen, dass auch sie selbst sich womöglich im Spagat zwischen der Betreuung ihrer Kinder und der möglichen Berufstätigkeit oder der Rolle als Zuhörer*in befinden. Um stark zu bleiben, müssen auch eigene Ressourcen wahrgenommen und positive Verläufe wertgeschätzt werden. Halten Sie während der Gespräche kurz inne, atmen Sie tief und bewusst und überlegen Sie, was Ihrer individuellen Person gut tut: Sport, Lesen, Phantasiereisen, Einzelsupervisionen und Vieles mehr. Ressourcen suchen Gerade in Zeiten der täglichen Negativ-Meldungen in den Medien ist es wichtig, Suchprozesse anzuregen, um herauszufinden, was gerade gut läuft. Dies und die Anerkennung für menschliche Leistungen in diesen Zeiten ist ein wichtiger Bestandteil aktueller Beratungsgespräche. Reflektion über die vergangenen Tage und die Suche nach Strategien, die in vergangenen Krisen gut für das „Ich“ und „Wir“ funktioniert haben, können ebenso hilfreich sein.

Beratung in der Krise

Nervosität, Unsicherheit, Sorge um die eigenen Angehörigen oder wirtschaftliche Bedrohung bedeuten derzeit besonders für diejenigen Menschen eine verstärkte Krise, die sich bereits vorher psychosozial als deutlich belastet erlebt haben oder psychisch erkrankt sind. Mediale Beratungsangebote werden daher so wichtig wie noch nie werden. Als Kriseninterventionskonzept hat sich besonders das Bella-Konzept erwiesen: Beziehung aufbauen - Erfassen der Situation - Linderung von Symptomen - Leute einbeziehen, die unterstützen -

Telefonberatung

Anonyme Telefonberatung kann besonders für diejenigen Menschen eine große Chance in der Krisenbewältigung sein, die niemals in eine Beratungsstelle vor Ort gehen würden - sofern der Austausch nicht einem Monolog gleicht, Kontextinformationen nicht gänzlich fehlen oder die/der Ratsuchende durch angestaute Gefühle o.Ä. kein Miteinander zulassen kann. Innerhalb der verschiedenen Methoden ist es grundlegend wichtig, Tonlage und Klang der Stimme, aber auch Sprechgeschwindigkeit im Kontakt mit den Anrufenden zu entwickeln. Frühzeitig die Rahmenbedingungen des Telefonats zu klären, die ersten Worte des Gesprächs stichwortartig mitzuschreiben, systematische Fragetechniken zu entwickeln und letztlich eine kurze Zusammenfassung sowie einen Ausblick zu geben, empfiehlt sich ebenfalls. Jedoch wird Telefonberatung nicht von allen bereits bekannten oder neuen Klient*innen als Kontaktbrücke gesehen. Einige erleben die rein auditive Kommunikation durch den Wegfall des Visuellen auch als noch emotionaler, intimer und folglich nicht wünschenswert.

Videoberatung

Die Übermittlung von Mimik und Gestik via Videokamera am heimischen Computer, die Möglichkeit von Kontextinformationen aus dem Aufnahmebereich der Kamera sowie ein gewisses Maß an sozialer Nähe sprechen für diese neue Form der Beratung. Hohe technische Anforderungen (Bandbreite, Equipment, Bedienung), die Gefahr zusätzlicher Irritationen und kognitive Überforderungen können jedoch als Nachteil beurteilt werden. Ein ruhiger und neutraler Arbeitsplatz der/des Beratenden sowie dessen Fähigkeit genau auf die Körpersignale der/des Klient*in zu achten, ist hierfür unabdingbar. In der aktuellen Situation eignet sich eine solche Form der Beratung besonders für das In-Kontakt-bleiben mit bereits bekannten Klient*innen. Ein zertifizierter Videodienstanbieter zum Schutz vertraulicher Daten ist in diesem Prozess unabdingbar.

Die ausführliche Handreichung lesen Sie hier.

Das Kinderschutz-Zentrum der Geschwister-Gummi-Stiftung bietet verschiedene Angebote für:

  • Kinder, die jemanden zum Zuhören brauchen
  • Jugendliche, die neue Wege beschreiten
  • Eltern, die einen Rat brauchen
  • Alle, die Fragen zur Erziehung, Entwicklung und Krisenbewältigung haben

Das Kinderschutz-Zentrum ist schwerpunktmäßig eine Beratungsstelle für Familien mit Gewaltproblemen, speziell bei körperlicher und seelischer Kindesmisshandlung, Kindesvernachlässigung und sexuellem Missbrauch.

Ziel und Aufgabe des Kinderschutz-Zentrums ist es, Gewalt gegen Kinder, Kindesmisshandlung, Kindesvernachlässigung und sexuellen Missbrauch abzubauen, zu verhindern und vorzubeugen durch Entwicklung, Anwendung und Weiterver-mittlung von speziellen, an den Ursachen von Gewalt ansetzenden Hilfen. Die Lebenssituation von Familien heute ist gekennzeichnet durch eine verwirrende Vielfalt von Möglichkeiten bei gleichzeitig zunehmenden Einschränkungen und Zwängen. Familie kann heute vieles sein: mit Trauschein oder ohne, Alleinerziehend oder mit Partner, mit einem oder mehreren Kindern, oder mit Kindern aus vorangegangenen Beziehungen. 

Covid-19 Podcast

Die Corona-Pandemie stellt auch die stationäre Kinder- und Jugendhilfe vor neue Herausforderungen. In unserem Podcast möchten wir auf diese spezielle Situation näher eingehen und die besonderen Herausforderungen für Eltern, Kinder, soziale Dienste und Fachkräfte näher eingehen.

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Kontakt

Kinderschutz-Zentrum
Schießgraben 7 - 95326 Kulmbach
Tel 09221 - 82 82 12
Fax 09221 - 82 82 69
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Weitere Infos: www.kinderschutz-zentren.org